Ein Thema, das immer wieder einmal auf der politischen und medialen Agenda steht, ist Fettleibigkeit. Während andernorts Menschen verhungern, ist in den entwickelten westlichen Ländern Fettleibigkeit zu einer Art Volkskrankheit aufgestiegen. Herz- und Kreislaufkranheiten, die durch Fettleibigkeit hervorgerufen werden, gehören in Deutschland inzwischen zu den Top-Todesursachen. Die westliche Welt isst sich zu tode.
Schon vor einigen Jahren warnte die WHO vor einer Fettleibigkeitsepedemie (die Bezeichnung Epedemie war möglicherweise passender als vermutet, deuten doch neue Untersuchungen darauf hin, dass sich Fettleibigkeit — ebenso wie Selbstmord — ähnlich wie virale Krankheiten über “Ansteckung” in sozialen Netzwerken, z. B. Freundeskreisen, verbreitet). Entsprechend aufgeregt klingen Gesundheitspolitiker und Verbraucherschützer, die sich vorgenommen haben, die “Volksseuche” Nr. 1 zu bekämpfen.
Dabei ist es ironisch: Jahrhundertelang, ja vielleicht seit Anbeginn der Menschheit, haben Menschen davon geträumt in einer Welt zu leben, in der es weder Arbeit noch Mangel gibt. Ob Garten Eden oder Schlaraffenland: Eine Welt, in der Milch und Honig fließen, in der die existentielle Sorge um ausreichende Nahrungsaufnahme ersetzt wird durch Überfluss und Müßiggang, erschien als die beste aller vorstellbaren Welten.
Heute leben wir (im Westen) in dieser Welt — in der besten aller Welten: Für uns ist es kein Problem mehr, genug zu essen zu haben, im Gegenteil: Nahrung ist so billig, Kalorien sind in so großer Zahl verfügbar, dass wir uns sorgen müssen, zuviel zu essen. Unser größtes Problem ist die Frage, wie man die ganze Energie wieder los wird. Folglich strampeln wir im besten Fall auf Crosstrainern und Fahrrädern — oder werden schlicht immer dicker (während wir gleichzeitig wehmütige Blicke in hochglänzende Magazine werfen und die Maße essgestörter Models bestaunen). So dick, bis wir unproduktiv und krank sind und Mitte 50 an Herzversagen sterben.
Die übermäßige Zufuhr von Kalorien ist dabei nichtmal mehr eine Frage des Geldes. Selbst wer in Deutschland nicht arbeitet, braucht sich um Nahrungsmangel keine Sorgen zu machen (Wie Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin kürzlich feststellte: “Das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern ist das Untergewicht”). Paradiesische Zustände.
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte: Was wir heute verdammen, war früher ein Menschheitstraum (und ist es für viele Menschen dieses Planeten noch immer). Ein Leben, losgelöst von Arbeit und Mangel — eine himmlische Vorstellung.
Sind wir nun also undankbar? Ist es der Effekt, dass man immer genau das will, was man gerade nicht hat? Wie auch immer. Wenn unser größtes Problem ist, mit Mitte 50 vor lauter Essen zu sterben, dann haben wir wohl keine Probleme.