Print versus Internet: Das Ende der gedruckten Information
Erstellt am 22. April 2008 um 22:19 Uhr von Gonzo.Spätestens seit der Ankündigung des Brockhaus-Verlags, das gesamte Brockhaus-Lexikon künftig kostenlos im Internet anzubieten (Bericht bei heise online), dürfte dem Letzten klar geworden sein, dass die Ära der gedruckten (Qualitäts-)Information zu Ende geht. Ich glaube, dass es keine gewagte These ist zu behaupten, dass gedruckte Informationen in Zukunft nur noch ein Randdasein fristen werden.
Wenn sich jetzt sogar die Encyclopaedia Britannica dem Internet öffnet, indem sie Bloggern und Online-Redaktueren einen kostenlosen Online-Zugang zu ihrem Lexikon gewährt, dann scheint dies nur eine weitere Bestätigung für das absehbare Ende von Print als führendem Medium zu sein.
Was bei wissenschaftlichen Artikeln schon längst und bei Lexika zunehmend Anwendung findet — die primäre Publikation von Inhalten im Internet — dürfte sich in Zukunft auf andere Produkte und andere Medien ausweiten: Tageszeitungen, Fernsehen, Musik — alles ab ins Netz.
Alles umsonst! — Gewinner
Das hat auf die betroffenen Branchen wie auch auf den Zugang zu Informationen insgesamt tiefgreifende Auswirkungen, besonders wegen des Trends zu Gratisangeboten im Internet, die sich allein über Werbung finanzieren. So stellen etwa der Spiegel und das Time Magazine seit einiger Zeit ihre vollständigen Archive kostenlos zur Verfügung; die New York Times immerhin alle Artikel seit 1987 — zuvor hatten alle drei Magazine auf kostenpflichtige Archivzugänge gesetzt.
Daneben bieten alle großen und kleinen Tages- und Wochenzeitungen schon seit längerer Zeit tages- bis minutenaktuelle Nachrichten kostenlos auf ihren Internetseiten an — eine bemerkenswerte Tatsache, an die man sich inzwischen aber längst gewöhnt hat.
Es gibt also bereits jetzt eine beträchtliche Menge an hochqualitativen Gratisinformationen im Netz. Grund hierfür ist zum einen der enorme Konkurrenzdruck im Internet — es gibt fast nichts, für das sich nicht eine kostenlose Alternative finden ließe — zum anderen die schlichte Tatsache, dass sich bei entsprechenden Zugrifsszahlen mit Werbung mehr verdienen lässt als mit Abonnements.
Ein Resultat dieser Entwicklung ist folglich, dass der Zugriff auf hochwertige Informationen immer weniger vom Geldbeutel abhängt und noch dazu leichter zugänglich ist. Das alte Klischee vom Internet als Demokratisierungsmedium scheint sich, zumindest in dieser Hinsicht, also doch noch zu bewahrheiten.
Prints Ende — Verlierer
Was des einen Freud, ist schon seit ewigen Zeiten des anderen Leid. Da sind zuallerst natürlich die bisherigen Profiteure der “alten” Medien, die mitansehen müssen, wie ihre Geschäftsmodelle zerbrechen, etablierte Produkte an Stellenwert verlieren und Gewinne schmelzen oder sich in Verluste verwandeln.
Das beste Beispiel für die Wucht, mit der die “digitale Revolution” die etablierten Player erwischt hat, gibt sicherlich die Musikindustrie ab (wenn es sich hierbei freilich nicht um Print handelt): Jahrelang hat sie die Entwicklung zunächst ignoriert, dann bekämpft, nur um schließlich (nachdem man endlich erkannt hatte, dass sich Musik über das Internet auch verkaufen lässt) den lukrativen Online-Musikvertrieb anderen zu überlassen — nämlich den Newcomern iTunes und Amazon, die den Markt inzwischen quasi-duopolartig unter sich aufgeteilt haben. Entsprechend düster sehen manche die Zukunft der etablierten Musikindustrie, besonders der Labels: Der Silicon Alley Insider geht für die Zukunft nur noch von einem Nischendasein der Plattenlabels aus.
Zur Sorte der ökonomischen Verlierer gehören natürlich auch diejenigen, die Print mit Inhalten gefüllt haben und noch immer füllen, die Redakteure. Die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich sind ohnehin schon schlecht: Immer weniger Festanstellungen, immer schlechterer Verdienst, höhere Belastungen, dadurch ausgelöst abnehmende Unabhängigkeit, etc. Der Konkurrenzdruck aus dem Internet wird nicht gerade zu einer Verbesserung ihrer Situation beitragen — durch das Internet werden (noch?) wesentlich weniger neue Jobs geschaffen als aufgrund von Einsparungen beim Print verloren gehen. Paul Conley ist sogar überzeugt, dass die heutigen Printredakteure in Zukunft gar nicht mehr gebraucht werden.
Neben diese ökonomischen Verlierer tritt aber noch eine weitere Gruppe — die der notorischen Kulturpessimisten, für die die Verlagerung von Print zu Online das Ende des Abendlandes bedeutet. Ein besonders schönes Beispiel hat Caroline Fetscher im Berliner Tagesspiegel anlässlich der oben genannten Brockhaus-Ankündigung geliefert (gefunden bei netzpolitik.org):
Wo wird das Be-Greifbare, Haptische bleiben, das Element des wenigstens minimal weniger Entfremdeten? Wo ereignet sich dann noch das stille Aufdemteppichhocken im Licht der Lampe, das versunkene Blättern im dicken Buch, ohne Computersurren im Hintergrund? […]
Ob und wie ein lexikalischer Hunger die von der Informationsflut verwirrte User-Community im Internet überhaupt auf diese Strecke führt, das wird die Brockhaus AG an den Klickraten messen können. Einstweilen befasst sich das Gros der Internet-User eher mit privaten Ebay-Geschäften und Online-Gebrauchtwagenanzeigen, mit Kochtipp-Websites, hypochondrischen Gesundheits-Chatrooms, Ressentiments verbreitenden Bloggern, Elektronik-Erotik, religiösen, fundamentalistischen, politisch-ideologischen Verschwörungstheorien anonymer Internet-Leader und haufenweise anderem Mist mehr. (Quelle: Tagesspiegel.de)
Beindruckend diese Mischung aus Unwissen und fehlender Argumentation.
Alles halb so schlimm?
Wenn ich bisher auch das Ende von Print an die Wand gemalt habe — ganz so schlimm wird es nicht werden, vorerst jedenfalls nicht. Denn natürlich wird es auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch Print geben — die Zielgruppen von Frau aktuell, Bunte und anderen Zeitschriften dürfte wohl kaum sehr schnell ins Internet abwandern — genauso wie es auch in Zukunft noch Fernsehen und CDs geben wird. Nämlich mindestens solange, wie es noch zahlungskräftige, in der Pre-Internet-Ära sozialisierte Menschen gibt.
Nur werden diese “klassischen” Medien (Print, CDs, Fernsehen) eben immer unwichtiger werden. Für mich persönlich ist das noch einmal überdeutlich geworden, als ich vor kurzem morgens die Titelseite der Süddeutschen betrachtete: Jede der dort aufgeführten Meldungen kannte ich bereits — von meiner Online-Nachrichtenlektüre am Abend zuvor. Ganz abgesehen vom Aktualitätsvorsprung der Online-Nachrichten vom gleichen Morgen.
Da kann der Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann, noch so oft eine „Nationale Initiative Printmedien“ starten (jetzt gerade am 16.04. — Pressemeldung beim Deutschen Presserat) und behaupten, dass “trotz zunehmender Konkurrenz in elektronischer Form … Zeitungen und Zeitschriften auch künftig politische Leitmedien” blieben — ich glaube da nicht dran. Ich sehe die Zukunft für Printmedien — ohne das allzuweit ausführen zu wollen — eher im Bereich ausführlicher und qualitativ hochwertiger Reportagen (Wunschtraum?). Diese sucht man im Internet meist vergeblich — und sind dort wohl auch kaum rentabel.
Ganz zum Schluss
Und zum Schluss noch eine kleine Pointe: Wikipedia, das wahrscheinlich erfolgreichste Gratis-Internetprojekt aller Zeiten und Hauptauslöser (nicht nur) der Printlexikon-Krise, wird demnächst als gedrucktes Buch erscheinen, herausgegeben vom Bertelsmann Lexikon Institut und mit der Absicht, “neue Zielgruppen zu erschließen” (Pressemitteilung) — Print ist am Ende.
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Sieh an, der viralmythen blog hat das thema geklaut und ebenfalls einen beitrag dazu geschrieben…