Herzschmerz und zynische Hauptstädter im A-Trane Berlin

Gestern war ich zum ersten mal im A-Trane, einem Jazz-Club in Berlin, der diesen Namen auch verdient: lauschige Stimmung, gedämpftes Licht, kleine Tische, kleine Büne, teure Drinks. Sehr schön.
Sehr schön war auch die Stimme jener Dame, deretwegen man den beschwehrlichen Weg nach West-Berlin unternommen hatte: Laura López Castro. Frau Castro singt Lieder, die noch sehnsüchtiger sind als ihr Blick auf obigem Foto, und die von Schmerz und Liebe, Liebe und Schmerz handeln. Es geht um Liebe, die Schmerzen bringt, und um den Schmerz, den die Liebe besiegt. Körperliche Liebe, enttäuschte Liebe — sie hat ihr Thema gefunden, die traurige Frau Castro mit der schönen Stimme.
Diese Lieder, die sie, begleitet von Cello, Gitarre und Kontrabass (gespielt von begabten Leuten, besonders der Kontrabassist), intoniert, klingen ungefähr so wie dieses, Coracao Vagabundo (Vagabundierendes Herz):
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(Quelle: Brigitte.de)
Und dann waren da noch die Berliner

Womit Laura López Castro jedoch nicht gerechnet hatte, war die schonungslose Offenheit des Berliner Publikums — dabei ging dieses Berliner Publikum, das durch die jahrelange Erfahrung kalter Einsamkeit inmitten der Metropole hart und zynisch geworden ist, und das schon alles gesehen hat, das Wagnis zunächst durchaus ein, und ließ sich in die traurigen Melodien der noch traurigeren Laura López Castro entführen.
Je länger der Abend jedoch dauerte, und je sicherer sich Frau Castro des Applauses war, desto redseliger wurde sie. Und so begann sie, das Verhängnis übersehend, das Berliner Publikum aus seiner melancholischen Emphase zu reißen, indem sie dazu überging, nicht nur die spanischen Titel ihrer Lieder ins Deutsche zu übersetzten (Frau Castro ist in Deutschland aufgewachsen), sondern auch den Inhalt kurz darzustellen und vielleicht noch ein, zwei Textzeilen auf Deutsch vorzutragen.
Und so musste das ach so zynische Berliner Publikum erfahren, worum es in ihren Liedern ging: Um die Ecken der Seele, die allenthalben ausgekehrt werden müssen, damit man nicht verbittere. Um die vergangene Liebe, der man vergeblich nachtrauert. Um das bange Wissen, dass der Geliebte am nächsten Morgen für immer aus deinem Leben treten wird. Um den Moment, in dem man versucht einzuschlafen, und sich ein kalter Windhauch wie ein Schatten über den Körper legt und die Traurigkeit mitbringt. Um Disco-Besucher, die ihre Einsamkeit und Verlorenheit in Alkohol ertränken. Und so fort.
Während das Berliner Publikum mit den granitenen Herzen diese Inhaltsangaben zu Beginn noch würdevoll aufnahm — so wie ein liebender Vater voller Zärtlichkeit die naive Romantik der Tochter belächelt (um es, vielleicht, in der Sprache der Laura López Castro zu sagen) — so verzogen sich mancherlei Gesichter doch zusehends, wenn Laura López Castro ein ums andere Mal beschrieb, von welch trauriger, und immer traurigerer Gemütsregung das folgende Lied künden werde.
Schon waren, zuerst leise, dann deutlicher, “Oooh!”-Rufe zu vernehmen. Der ironische Tonfall war unüberhörbar. Bald war auch ein “Wie traurig!” und ein “Das ist ja furchtbar” zu vernehmen. “So iss dit halt inner Jroßstadt!” war die Antwort eines besonders zynischen Zynikers, er saß hinten links, auf die Ankündigung der Frau Castro, das folgende Lied handele von der Einsamkeit, die einen inmitten einer anonymen Menschenschaar trifft.
Schließlich kündigte Frau Castro ein weiteres Lied an, deren erste Strophe sie verriet: “Suche mich da, wo niemand sonst mich sucht. Suche mich im Flussbett, dort, wo kein Wasser fließt, das niemals das Meer erreichen wird. Dort, wo niemand mich sucht, und wo ich mich finde.” Selbst die romantischsten und weichsten unter den Besuchern konnten sich hier ein Grinsen nicht verkneifen. Das Berliner Publikum, mit den Herzen aus Stein, kicherte über diese Zeilen der Laura López Castro.
Und Frau Castro? Die kicherte mit — und legte, sich über die Hartherzigkeit des abgeklärten Berliner Publikums wundernd, aus einer Mischung aus Trotz und Herausforderung noch mehr Gefühl und Traurigkeit in ihre traurige Stimme. Und das Berliner Publikum bedauerte sich einmal mehr ob der Hartherzigkeit, die ihm diese harte Welt beigebracht hatte.
Und alle waren glücklich.